Raucher im Straßenverkehr

Biker in Berlin

Ich gebe zu: Ja, ich habe ein wenig provoziert.

Prolog

Es ist Sonntag in Lyon. Ich stehe gerade noch rechtzeitig auf um nicht auch noch das Mittagessen zu verpassen. Das wartet natürlich nicht auf mich – es möchte selbst zubereitet werden. Ich beschließe spontan für den lokalen Internationalen Studenten-Verein ebenfalls einige Crêpes zu backen, so dass durch den Erlös die Vereinskasse sich der schwarzen Null annähern mag – eine gute Sache. Außerdem könnte ich selbst vorweg ein paar Crêpes zum Mittag essen. Also los.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie wenig Zutaten in den Crêpes-Teig gehören: Ein bisschen Milch, ein bisschen Mehl, Salz. Beim Salz gehen die französischen Lehrmeinungen schon auseinander. Eier gehören ebenfalls in den Teig, sind in der heimischen WG jedoch nicht vorrätig. Doch auch an Sonn- und Feiertagen ist der nächste offene Tante-Emma-Laden nicht weit!

Mit einiger Verzögerung entstehen die ersten Crêpes. Nebenbei erklärt mir ein anerkannter, syrischer Flüchtling (gutbetucht, diplomiert in Wirtschaft, dreisprachig, Arbeitsverbot) seine Sichtweise auf die nationalen Unterschiede im Unternehmertum und Projektmanagement. Spannend.

Mit einiger Verzögerung werden wir mit unserem späten Mittag fertig und ich packe an Crêpes ein, was übrig geblieben ist. Ich schwinge mich auf mein Rad und fahre zum Vereinstreffen in der Rue de Marseille.

Inzident

Die Rue de Marseille ist eine lange Einbahnstraße parallel zum Fluss Rhône. In beide Richtungen findet sich eine großzügige, entsprechend kenntlich gemachte Spur für Fahrradfahrer. Ich probiere beide Spuren nacheinander aus: Zuerst fahre ich am Vereinstreffen vorbei. Ich bemerke meinen Fehler, wende und fahre auf dem anderen Fahrradstreifen, nun entgegen der Fahrtrichtung der Autofahrer, wieder zurück.

Weit komme ich nicht. Genau vor mir auf der Fahrradspur beginnt eine ältere Dame auf dem Fahrradweg, am für sie linken Straßenrand, einzuparken. Als jemand, der in Berlin sogar für mehr Rechte für Inlineskates demonstrieren gefahren ist1 (das Fahrrad ist bereits emanzipiert), bin ich natürlich wenig begeistert. Im Abstand von 5 Metern zum Auto halte ich an und warte regungslos ohne eine Mine zu verziehen.2 Möglicherweise fällt der Fahrzeugführerin ja etwas auf.

Einige Momente später spricht mich von hinten jemand an. Ein etwas ungepflegter Mann mittleren Alters hat sich von mir unbemerkt genährt und fährt mich an, auf was ich denn wohl warten würde. Ich entgegne ehrlich, dass ich auf die Freigabe meiner Fahrspur wartete. Das könnte dauern, heißt es, er wolle Tabak kaufen. Das ist für mich weniger eine Entschuldigung, als eine Provokation. Raucher nehmen sich ja auch sonst einiges heraus. Welche Gruppe schmeißt sonst noch mit einer unverbesserlichen Selbstverständichkeit ihren Müll in die Landschaft?3 Es folgt die Frage nach meiner Herkunft. Entweder mein Akzent oder die befremdliche Situation hat mich verraten. Ohne eine Antwort abzuwarten, werde ich pauschal abgewertet. An dem Punkt angekommen, gebe ich das Gespräch auf. Der Mann entfernt sich.

Ich fahre also zum parkenden Auto und klopfe an das Beifahrerfenster. Die ältere Dame fährt nach kurzem Zögen tatsächlich die Scheibe herunter. Doch bevor ich in aller Höfflichkeit meine Enttäuschung über das Gebaren ihres Mitfahrers – ich tippe: der Sohn – zum Ausdruck bringen kann, nährt sich jener sichtlich erbost und treibt mich wild gestikulierend vom Auto weg. Ich beschließe nichts zu riskieren und fahre verbal Paroli bietend weg. Im Schulterblick erkenne ich, dass die ältere Dame ihre Fahrerscheibe ebenfalls heruntergelassen hat und im harschen Ton ihren Begleiter lauthals zurückruft. Soll sie das Hünchen selber rupfen.

Mit ein wenig Genugtung fahre ich weiter. Keine 50 Meter später steht ein weiteres Auto halb auf meiner Fahrradfahrerspur. Mit einem Seufzer quetsche ich mich zwischen dem Wagen und den parkenden Autos durch. Im letzten Moment bleibe ich an etwas hängen und stürze hinter dem Wagen zu Boden. Ich frage mich kurz, ob der Autofahrer das bemerkt hat – ungünstig, setzte er jetzt zurück – da werde ich von einer im ausparken begriffenen Frau angesprochen. Ich stehe auf, hebe mein Rad auf und erkenne den Grund meines Sturzes: Die links angebrachte Ortlieb-Fahrradtasche ist hängengeblieben und deren Halterung gebrochen. Sie hat mir stets treue Dienste geleistet und auch bei Übergewicht über Kopfsteinpflaster nie nachgegeben. Ich bedaure meine eigene Unvorsichtigkeit.

Der Fahrer steigt aus dem Auto und erklärt, er hätte auf den Fahrradweg ausweichen müssen um ein anderes Auto vorbei zu lassen. Ich möchte wissen, ob es sich dabei um das Auto der alten Dame neben dem Tabakladen handelt. Der Herr nickt.

Schon wieder hat das Rauchen ein Opfer gefordert. Diesmal meine Ortlieb-Tasche.

Epilog

Beim Erreichen des Vereinstreffens kommt mir ein Schwung Leute entgegen. Drinnen ist man erfreut über meinen Einsatz, jedoch seien noch viele Crêpes vorhanden und ohnehin sei das Treffen quasi vorbei.

Ich fahre kurze Zeit später ab. Zu Hause angekommen, stelle ich fest, dass die Garantie (ohnehin nicht anwendbar) seit wenigen Wochen abgelaufen ist und schreibe dem Kundendienst eine Ersatzteil-Anfrage.

  1. Tatsächlich sind die Inlineskater in Lyon besser gestellt als in Berlin. Während in Lyon ganzjährlich 2 oder 3 mal die Woche die Autofahrer den Skatern auf angemeldeter Route Vorfahrt einräumen müssen, ist das in Berlin nur an 12 Abenden im Sommer der Fall.

  2. Ja, ich hätte natürlich an dem Auto vorbei fahren können. Dazu hätte ich jedoch den Fahrradweg verlassen müssen (und wäre auf der Straße gegen die Fahrtrichtung gefahren).

  3. Ich habe in Berlin Kinder (< 14 J.) nicht aufgerauchte Kippen aus dem Straßenbahngleisbett fischen sehen, die sie daraufhin aufgeraucht haben. Daher denkt daran euren Müll FÜR KINDER UNERREICHBAR UND NICHT SICHTBAR zu entsorgen.